Das Rufen der Waldgeister

Dieses Ritual soll exemplarisch zeigen, wie Methoden der westlichen Ritualmagie in einem runenmagischen oder freistilschamanistischen Kontext verwendet werden können. Der Zweck des Rituals ist es, durch das Rufen von Geistern einem Ort ein Stück seiner ursprünglichen, magischen Natur zurückzugeben. Es ist nicht so sehr als strikte Vorschrift zu sehen als vielmehr als Beispiel für diese Art von Ritus. In der hier gegebenen Form wurde das Ritual erfolgreich durchgeführt. Da jedoch in ihm den Wünschen und Vorlieben der beteiligten Kräfte - getreu dem schamanischen Paradigma - große Bedeutung beigemessen wird, ist es recht wahrscheinlich, daß sich jede praktische Ausführung im einen oder anderen Aspekt unterscheiden wird. Ohnehin sind viele Waldgeister (besonders vom Volk der Elfen) keine Freunde von menschengemachten Vorschriften und so wäre es zwecklos, von ihnen ein bestimmtes Verhalten erwarten zu wollen, nur weil irgendsoeine dahergelaufene Ritualanleitung es gerne so hätte. :-)

Vorbereitung

Eine Lichtung

Zuallererst gilt es, einen Ort zu finden. Aber vielleicht ist diese Bezeichnung falsch: letztlich soll mit dem Ritual dem Ort geholfen werden und so kann es durchaus sein, daß Du auf welche Weise auch immer mitgeteilt bekommst, daß der Ritus an diesem oder jenem Platz angebracht wäre. In jedem Fall ist die vorherige Zustimmung des zuständigen Ortsgeistes zwingend notwendig.

Im folgenden Ritual soll ein an sich stabiler Zustand - die relativ geringe Häufigweit von Naturgeistern in einer Gegend - in einen neuen stabilen Zustand überführt werden. Die gerufenen Geister sollen nach Möglichkeit hier bleiben. Damit die Veränderung dauerhaft sein kann, muß sichergestellt sein, daß der neue Zustand nicht gestört werden wird. Das heißt im schamanischen Weltbild, daß kein anderer Geist diesen Zustand stört. Ist zu befürchten, daß ein Wesen das tun würde, so obliegt es Deiner Eigenverantwortlichkeit, das Wesen zum Einlenken zu bewegen, es zu zwingen oder das Ritual nicht durchzuführen.

Außer dieser Zustimmung brauchst Du nicht viel: ein Opfer (beispielsweise eine Flasche Alkohol), mindestens fünfzehn Räucherstäbchen mit passendem Geruch (beispielsweise Patchouli), bei Bedarf (siehe unten) eine Trommel oder ein anderes Instrument sowie nach Belieben magische Waffen wie den Stab, den Hammer oder den Dolch. Die alfR-BinderuneSchließlich muß noch eine Sigill für die zu rufende Spezies von Geistern vorbereitet werden. Im Bild ist als Beispiel eine Binderune zu sehen, die aus den Runen Ansus, Lagus, Fehu und Algis besteht - alfR ist altnordisch für Elfen.

Durchführung

Es empfiehlt sich normalerweise, das Ritual bei Nacht durchzuführen. Der Zeitpunkt hängt zwar davon ab, wen man rufen will - im Falle von Elfen, die sich an jeder Art von Übergang wohl fühlen, kann es beispielsweise die Morgen- oder Abenddämmerung sein - im Allgemeinen sind Waldgeister aber nachtaktive Geschöpfe.

Mal ganz von der psychologischen Komponente des nächtlichen Aufenthaltes im Wald und der wesentlich geringeren Wahrscheinlichkeit, gestört zu werden, abgesehen.

Am Ort des Geschehens angekommen, werden je nach Bedürfnis Meditationen und Zentrierungen durchgeführt sowie alle Utensilien in der Mitte des Platzes untergebracht. Besonders wer naturreligiös arbeitet wird es vielleicht angemessen finden, hierbei in der Mitte des Platzes einen kleinen Altar für die Geister des Ortes zu errichten. Ein natürliches TorEin möglichst dunkler Ort am Rande des Platzes, wo das Tor geschaffen werden wird, wird ausgesucht. Besonders vorteilhaft sind Öffnungen am Boden, in Wurzelstöcken oder im Unterholz. Das Opfer wird dem Ortsgeist und der gesamten Geisterwelt dargebracht, möglicherweise begleitet von schamanischer Trance, Gebet oder Anrufungen. Nun wird eine Bannung durchgeführt. Der Hammerritus nach Edred Thorsson eignet sich aus stilistischen Gründen sehr gut, aber jede Methode, die einigermaßen flüssig und ungezwungen von der Hand geht, wird den Zweck ebenso erfüllen.

Danach, oder (falls das Ritual von einer Gruppe durchgeführt wird und nicht alle bei der Bannung dabei sind) auch gleichzeitig, werden die Räucherstäbchen in einer großen Spiralenform in die Erde gesteckt und angezündet. Zwei Stäbchen erhalten die Positionen links und rechts von der Stelle, die das Tor werden wird.

Die Spiralenform soll zum einen die Nähe zur natürlichen, erdgebundenen Magie ausdrücken und zum anderen als Symbol der Geburt und des Lebens den positiven Charakter des ganzen Ritus unterstreichen.

Das TorDie Umrisse des Tores werden mit einer der magischen Waffen oder mit dem Zeigefinger in die Luft gezeichnet und visualisiert. Es kann hilfreich sein, die Linien mehrmals nachzuziehen. Wenn das Tor steht, wird darauf die vorbereitete Sigill gezeichnet (wiederum mehrmals, wenn nötig). Dabei wird der Name des Geistervolkes vibriert oder gesungen, im Fall der bereits gezeigten Binderune natürlich "alfR".

Durch die Sigill erhält das Tor ein "Ziel", es führt dadurch an einen ganz bestimmten Ort, nämlich dorthin, wo die bezeichneten Wesen leben.

Sind diese Vorbereitungen zur Zufriedenheit abgeschlossen, wird das Tor mit einem einzigen Wort geöffnet: "Mellon!"

Wer dieses Wort nicht erkennt, sollte dringend den "Herrn der Ringe" lesen. :-) Es bedeutet "Freund" und wird im besagten Buch verwendet, um den Eingang zum alten Zwergenreich Moria zu öffnen.

Das Öffnen des Tores und die Region dahinter wird etwa in der selben Intensität sichtbar sein, in der vorher das Tor visualisiert wurde. Nun kann zur letzten Phase des Rituals übergegangen werden; die Geister von der anderen Seite des Tores werden jetzt auf den Ort, an den sie eingeladen werden, aufmerksam gemacht und gerufen. Die naheliegendste Methode ist wohl schamanisches Trommeln in tiefer Trance. Es wären jedoch auch Trancetanz, Anrufungen in Chaossprache (Zungenreden, Glossolalie), inbrünstiges Gebet an die zuständige Gottheit oder ein weiteres materielles Opfer denkbar.

Durch diese Praktiken werden die Geister genährt und zu dem Ort gerufen, an dem das Ritual durchgeführt wird. Beobachten und Visualisieren der Wesen, die aus dem Tor kommen, ist interessant, aber nicht notwendig.

Wann auch immer es genug scheint, wird das Rufen beendet. Alle Gegenstände werden eingesammelt und der Ort zügig verlassen. Eine Danksagung, Erdung und Zentrierung sollte frühestens stattfinden, sobald der Ritualplatz nicht mehr in Sichtweite ist.

Bei feuchtem Wetter können die Räucherstäbchen brennen gelassen werden.